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1. Geschichte: Lissis Zugfahrt
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Lissis Zugfahrt Wie sind Lissi und die anderen eigentlich Freunde geworden? So fing alles an:
Endlich ist es Wochenende. Lissi und ihre Mutter sind auf dem Weg zum Freizeitpark. Sie nehmen den Zug, damit sie eine gemütliche Fahrt haben. Am Bahnhof der nahe gelegenen Großstadt steigen viele Leute zu und der Zug wird ganz schön voll. Lissi schaut sich neugierig um. So viele verschiedene Menschen auf einmal, staunt sie: Lauter große, kleine, dicke, dünne, junge, alte, schicke und sportliche Leute. Als Lissi sich so umschaut verharrt ihr Blick auf einer Familie, die ihr besonders auffällt. Lissi kann ihre Neugierde kaum zügeln, denn so eine Familie hat sie noch nicht gesehen.
Der Vater hat einen Bart und einen kunstvoll gebundenen Turban auf dem Kopf. Der Turban erinnert Lissi an einige Figuren aus ihren Märchenbüchern. “Was der Mann wohl unter dem schönen Tuch trägt?”, fragt sich Lissi. Lissis Aufmerksamkeit wird auf den Jungen gelenkt, dieser zappelt unaufhörlich hin und her. Der Junge, sein Name ist Hasmukh Singh, trägt eine Art Dutt auf dem Kopf, der von einem Tuch bedeckt wird. Der Junge merkt, dass er von Lissi angestarrt wird. Er lächelt Lissi verlegen an. Lissi guckt schnell weg.
Ein wenig später gleitet Lissis Blick hinüber zur Mutter und ihrer Tochter. Lissi bemerkt wie der lange, geflochtene Zopf des Mädchens von den leichten Bewegungen des Zuges hin und her hüpft. “Ihre Haare sind ja dreimal so lang wie meine”, denkt sich Lissi. Besonders hübsch findet Lissi die Mutter mit ihrem langen, bunten Kopftuch und den farbenfrohen Kleidern. “Ob die wohl auch mit ihren Kindern in den Freizeitpark fahren?”, fragt sich Lissi. Das wäre toll.
Lissis Mutter bemerkt, wie auffällig ihre Tochter die Familie beobachtet und sagt: “Lissi! Das ist bestimmt ganz schön unangenehm, wenn du die Leute die ganze Zeit so anstarrst. Du magst es bestimmt auch nicht, wenn dich jemand so anstarren würde, oder?” Da guckt Lissi schnell aus dem Fenster. “Stimmt, das fände ich doof”, denkt sie.
Lissi wartet kurz und fragt dann ihre Mutter: “Du Mama, warum hat der Mann denn so etwas auf dem Kopf und der Junge auch. Trägt die Frau immer so schöne Kleider und ... ähm ... warum sind ihre Haare so lang?” Lissis Mutter schmunzelt, sie ist Lissis viele Fragen schon gewohnt. Sie findet es toll, dass ihre Tochter so wissbegierig ist. “Lieber nachfragen, als Leute anzustarren”, findet sie.
“Weißt du Lissi, diese Familie ist genau so eine wie unsere auch. Der Unterschied ist nur, dass sie eine ganz bestimmte Lebensweise haben. Sie nennen sich Sikhs, so wie wir uns Christen. Das hier ist halt eine deutsche Sikh-Familie. Sikhs kommen ursprünglich aus dem Panjab. Das ist im heutigen Nord-Indien und Pakistan. Jetzt leben sie auf der ganzen Welt verstreut. Weisst du Lissi, Sikhs schneiden ihre Haare nicht und bedecken diese. So drücken sie ihre Liebe zu Gott aus. Sie wollen lieber ihr Haar so belassen, wie es von Natur aus ist. Und so wie man Kleider für den Körper trägt, tragen sie einen Turban oder ein Tuch zu Bedeckung der Haare. Sikhs lieben Gott so wie wir es auch tun. Gott, darüber hatte ich ja schon mal mit Dir geredet, ist der, der alles erschaffen hat und erhält. Menschen, Tiere, Wasser, Luft, Wälder und Pflanzen. Einfach alles. Gott ist in allem was da ist enthalten. Gott ist kein Mann oder eine Frau oder jemand, der irgendwo im Weltall auf einem Thron sitzt. Gott ist in uns und immer da.”
Lissi findet was ihre Mutter erzählt, irgendwie ganz schön. Als die Mutter so redet, bemerkt der Vater der Sikh-Familie, dass über sie geredet wird. Er spricht freundlich zu Lissis Mutter herüber. “Danke, dass sie ihrer Tochter das so verständnisvoll erklären. Sie wissen wirklich gut über Sikhs und Sikhi bescheid. Das ist echt eine schöne Ausnahme. Es stimmt, wir Sikhs versuchen ein Leben mit Gott zu führen. Und zwar im Alltag. Wir möchten von Gott und seiner Schöpfung lernen, wie man ein gottbewusster Mensch wird. Daher nennen wir uns Schüler, also Sikh. Sikhi heißt übrigens Sikh-Religion im Panjabi. Da ist unsere ursprüngliche Sprache. Wir finden Anleitung im Guru Granth Sahib. Man könnte es auch das Buch der Weisheit nennen. Es steckt voller Ideen und Hilfestellungen, wie man ein hilfsbereiter und zufriedener Mensch voller Gottvertrauen wird. Wir versuchen bescheiden zu sein und liebevoll mit anderen Menschen umzugehen. In allem Gott zu sehen, erachten Sikhs als sehr wichtig. Wenn man das kann, verlernt man wie von selbst, andere zu beleidigen oder auszugrenzen. Man guckt dann nicht mehr danach, was andere haben oder sind. Eifersucht und Gier vergisst man dann. Wir versuchen Gott immer für alles dankbar zu sein. Egal ob wie viel oder wenig haben.
Lissi und ihre Mutter hören weiter gespannt zu. “Wissen sie, manche Menschen wissen nicht, wer wir sind und denken dann ganz komische Sachen. Sie sehen ständig Bilder von Osama Bin Laden oder der Taliban im Fernsehen und denken: Jeder, der etwas auf dem Kopf hat, ist Osama Bin Laden. Leider zeigen oft Menschen hier in Deutschland mit den Fingern auf uns, beschimpfen oder lachen uns aus. Das ist schon schlimm. Dabei haben wir in Deutschland doch schon erlebt, zu was so eine Haltung führen kann. Menschen die andere Menschen auslachen vergessen, dass wir doch alle Menschen sind.” Als Lissi das hört schämt sie sich etwas, weil sie die Sikh-Familie so angestarrt hat.
“Ja, es ist wirklich traurig, dass manche Menschen sich so verletzend benehmen. Ich glaube das machen die zum Teil, weil die irgendwie Angst vor dem haben, was ihnen unvertraut erscheint. Und leider gehen die Menschen immer nach dem Äußeren. Vor allem wenn Menschen in Gruppen unterwegs sind und sich sicher fühlen, rufen sie einfach was Dummes. Die denken gar nicht nach, was sie da einem anderen Menschen antun. Anstatt einfach mal höflich nachzufragen, beleidigen sie einen. Die trauen sich nicht. Wenn denen mal so was passieren würde, dann wüssten die Bescheid, wie man sich da fühlt”, erwidert Lissis Mutter. “Ja, es wissen halt leider nicht so viele Menschen, dass es auch Sikhs auf der Welt gibt”, erwidert der Mann mit dem Turban. ...
Schaut doch bald mal wieder rein. Dann gibt es vielleicht schon eine Fortsetzung. Wer weiß?
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